Slide background
Blog
„Heimkehren“ von Yaa Gyasi <br>und „Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt“ von Jesmyn Ward

„Heimkehren“ von Yaa Gyasi
und „Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt“ von Jesmyn Ward

Buch der Woche

Immer mal wieder lässt mich ein Thema auch nachdem ich ein Buch fertig gelesen habe, nicht wieder los. So ging es mir nach der Lektüre von „Underground Railroad“ mit der Sklaverei und dem Rassismus in Amerika, die mich in den letzten Wochen weiter beschäftigt haben. Eher zufällig habe ich dann bei einer Veranstaltung in der Stadtbücherei zu „Heimkehren“ von Yaa Gyasi gegriffen und die ersten Seiten gelesen. Nach nur fünf Seiten fiel es mir schwer, mich von dem Buch zu trennen und so habe ich mir das Hörbuch bestellt, das mich wegen der Umsetzung mit 14 verschiedenen Sprechern interessierte (übrigens ein echter Hörgenuss!). Wie es der Zufall so will, habe ich nun parallel zu diesem Hörbuch, „Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt“ von Jesmyn Ward gelesen. Und auch wenn es nicht so beabsichtigt war, passten diese beiden Bücher ganz wunderbar zusammen und haben mir so viele Seiten des Rassismus in den USA gezeigt – von der Sklaverei bis heute. Bei beiden Büchern spielt der afrikanische Geisterglaube eine wichtige Rolle, auch für die Komposition der Romane, die durch diese Visionen, Träume und die Gegenwart der Geister und Vorfahren einen Brückenschlag von der Vergangenheit in die Gegenwart schafft.

„Heimkehren“ erzählt die Geschichte einer Familie über acht Generationen: Obwohl Effia und Esi Schwestern sind, lernen sie sich nie kennen, denn ihre Lebenswege verlaufen von Anfang an getrennt. Im Ghana des 18. Jahrhunderts heiratet Effia einen Engländer, der im Sklavenhandel zu Reichtum und Macht gelangt. Esi dagegen wird als Sklavin nach Amerika verkauft. Während Effias Nachkommen über Jahrhunderte Opfer oder Profiteure des Sklavenhandels werden, kämpfen Esis Kinder und Kindeskinder ums Überleben: auf den Plantagen der Südstaaten, während des Amerikanischen Bürgerkrieges, der Großen Migration, in den Kohleminen Alabamas und dann, im 20. Jahrhundert, in den Jazzclubs und Drogenhäusern Harlems. Hat die vorerst letzte Generation schließlich die Chance, einen Platz in der Gesellschaft zu finden, den sie Heimat nennen kann und wo man nicht als Menschen zweiter Klasse angesehen wird?

„Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt“ beschreibt ausgehend von der Gegenwart die drei Generationen einer Familie: Jojo und seine kleine Schwester Kayla leben bei ihren Großeltern Mam and Pop an der Golfküste von Mississippi. Leonie, ihre Mutter, kümmert sich kaum um sie. Sie nimmt Drogen und arbeitet in einer Bar. Wenn sie high ist, wird Leonie von Visionen ihres toten Bruders heimgesucht, die sie quälen, aber auch trösten. Mam ist unheilbar an Krebs erkrankt, und der stille und verlässliche Pop versucht, den Haushalt aufrecht zu erhalten und Jojo beizubringen, wie man erwachsen wird. Als der weiße Vater von Leonies Kindern aus dem Gefängnis entlassen wird, packt sie ihre Kinder und eine Freundin ins Auto und fährt zur „Parchment Farm“, dem staatlichen Zuchthaus, um ihn abzuholen. Eine Reise voller Gefahr und Hoffnung.

Diese zwei Bücher sind sprachliche Juwele, denen es gelingt, dem tiefverwurzelten Rassismus eine Menschlichkeit zu verleihen, die weh tut. Jesmyn Ward hat das Lied einer Familie komponiert, das so traurig schön ist, dass es mich erschaudern ließ. Da ist die unverfälschte Liebe der Geschwister und der Großeltern, die so viel Hoffnung macht, und im Gegensatz dazu die ganze Brutalität des Rassismus und der fatalen Liebe der Eltern, die sich im Drogenrausch verlieren. Yaa Gyasi erweitert das Bild des heutigen Amerika um die Wurzeln der Sklaverei in Afrika. Dabei gelingt es ihr, eine Familiengeschichte in so vielen Facetten zu erzählen, dass man ahnt, dass es keine einfachen Antworten geben kann, denn alles hängt mit allem zusammen: Rassismus ist nicht nur ein Problem des heutigen Amerika und die Sklaverei und der Kolonialismus längst nicht Geschichte.

Beide Bücher können eigentlich kein wirklich „gutes“ Ende haben und doch bleibt ein Funke Hoffnung. Diese Bücher sollte man – vielleicht nicht unbedingt gleichzeitig – auf jeden Fall lesen!

 

 

Von Melena