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Buch der Woche: WM-Spezial

Buch der Woche: WM-Spezial

Buch der Woche

Finale

Heute ist es also soweit: Nachdem gestern Nobelpreisträger Kazuo Ishiguro mit einer Niederlage im Spiel um Platz drei gegen Belgien das Turnier beendete, steht heute unser literarisches Finale an.

Für Frankreich geht wieder Patrick Modiano an den Start. Als Literaturnobelpreisträger ist er der klare Favorit. Wir schicken ihn mit dem 2001 erschienenen Roman „Die kleine Bijou“ ins Rennen. Als die neunzehnjährige Thérèse im Menschengewühl der Metrostation Châtelet ihre verschollene Mutter wiederzuerkennen glaubt, stürzen die Erinnerungen an die Kindheit im Pariser Bois de Boulogne mit aller Macht auf sie ein. Wie in einem unheimlichen Traum jagt Thérèse der Gestalt hinterher und wird dabei selbst von den Bildern der Vergangenheit verfolgt. Ein Roman über den unauflösbaren Zusammenhang von Erinnerung und Gegenwart. Ein Lektüregenuß, an dem die Übersetzung von Peter Handke mit ihren manchmal etwas eigenwilligen, aber der Genauigkeit verpflichteten und zugleich poetischen Formulierungen viel Anteil hat. So kann der leise, eindringliche Ton Modianos, der Schönheit und Schrecken auf einzigartige Weise verbindet, auch deutsche Leser in den Bann ziehen. Wer den Autor noch nicht kennt, sollte ihn mit diesem kleinen Juwel kennenlernen.

Seine Gegnerin wurde 1965 in Split, Kroatien, geboren. Nach dem Germanistik- und Romanistikstudium in Zagreb schloss sie eine Diplomatenausbildung ab. Seit 1994 lebt sie in Erlangen und war viele Jahre als freiberufliche Fremdsprachen- und Literaturdozentin tätig. In ihrem Roman, lieben drei Schwestern einen Mann: Am Ende wird der italienische Dichter Alessandro Lang eine der drei Schwestern Alessi zum Altar führen. Aber welche: Roberta, die älteste, die er vor dem Fresko der schwangeren Madonna in einer toskanischen Kapelle kennenlernt, die Medizin studiert, nach San Francisco zieht und darunter leidet, kein Kind zur Welt zu bringen? Lucia, die erfolgreiche Bankerin, die ihn bei einer Lesung in Florenz anspricht und ihm nicht verrät, wer sie ist? Oder aber die jüngste, Nannina, die als Übersetzerin in München mit ihrem unehelichen Kind lebt? Die drei Frauen lieben und hassen, unterstützen und belügen einander, schweigen sich an und kehren trotzdem immer wieder nach Hause zurück, zu den Eltern und zum Meer. Aber nur eine wird Alessandros Braut: Werden die beiden anderen ihr das je verzeihen?

Auf dem Fußballfeld wie in der Literatur zwei sehr unterschiedliche Gegner – wir sind gespannt, wer den Weltmeistertitel für sich entscheidet!

Halbfinale

In unseren Halbfinals gehen gleich zwei Literaturnobelpreisträger an den Start. Wir sind gespannt, ob sie im Finale aufeinandertreffen!

Unsere Aufstellung fürs Halbfinale

Ein starkes Debüt und der ewige Geheimfavorit für Belgien gegen einen Literaturnobelpreisträger aus Frankreich. Sowohl literarisch als auch auf dem Fußballplatz hat Frankreich die Favoritenrolle inne und hat sich gestern Abend entsprechend auch knapp durchgesetzt. Nichts desto trotz ist Belgien nicht nur auf dem Platz „sehens/lesenswert“.

Ob unsere Lokalpatriotin aus Kroatien mit Wohnsitz in Erlangen eine Chance gegen einen Literaturnobelpreisträger hat, wage ich aus literarischer Sicht zu bezweifeln – auf dem Platz räume ich Kroatien mehr Chancen ein. Wir sind sehr gespannt, ob es am Sonntag zu einem literarischen Gipfeltreffen der Literaturnobelpreisträger kommt!

Viertelfinale

Die Runde der letzten Acht verspricht auch bei uns spannende Buch-Begegnungen.

Unsere Aufstellung fürs Viertelfinale

Für Frankreich geht mit Patrick Modiano ein Literaturnobelpreisträger an den Start. Wir schicken ihn mit dem 2001 erschienenen Roman „Die kleine Bijou“ ins Rennen. Als die neunzehnjährige Thérèse im Menschengewühl der Metrostation Châtelet ihre verschollene Mutter wiederzuerkennen glaubt, stürzen die Erinnerungen an die Kindheit im Pariser Bois de Boulogne mit aller Macht auf sie ein. Wie in einem unheimlichen Traum jagt Thérèse der Gestalt hinterher und wird dabei selbst von den Bildern der Vergangenheit verfolgt. Ein Roman über den unauflösbaren Zusammenhang von Erinnerung und Gegenwart. Ein Lektüregenuß, an dem die Übersetzung von Peter Handke mit ihren manchmal etwas eigenwilligen, aber der Genauigkeit verpflichteten und zugleich poetischen Formulierungen viel Anteil hat. So kann der leise, eindringliche Ton Modianos, der Schönheit und Schrecken auf einzigartige Weise verbindet, auch deutsche Leser in den Bann ziehen. Wer den Autor noch nicht kennt, sollte ihn mit diesem kleinen Juwel kennenlernen.

Wie auf dem grünen Rasen hat Uruguay mit Doris Ryffel-Rawak eher Außenseiterchancen bei unserem Duell. Dennoch ist ihr „Auf Spurensuche am Río de la Plata“ eine empfehlenswerte Lektüre. Die sterbenskranke Noemi bittet ihre Tochter Mirjam, ihre Asche in Uruguay zu verstreuen, dem Land, in dem sie als Tochter deutsch-jüdischer Emigranten zur Welt gekommen ist. Mirjam begibt sich mit der Urne ihrer Mutter und deren Tagebuch nach Montevideo.Es wird eine Reise in die Vergangenheit. Wer war ihre Mutter wirklich, und warum ist Mirjam nie aufgefallen, wie sehr Noemi an Uruguay hing? Durch die Begegnungen mit Freunden und Bekannten ihrer Großeltern und ihrer Mutter verändert sich Mirjams Blick auf die Geschichte ihrer Vorfahren und auf ihre eigene Herkunft.Um sich in dem Sehnsuchtsland ihrer Mutter besser zurechtzufinden, besucht sie einen Spanischkurs. Ihr attraktiver Spanischlehrer Diego bringt Mirjam jedoch völlig aus dem Konzept. Trotzdem versucht sie, seinem exotischen Charme zu widerstehen, wartet doch in Frankfurt ihr Verlobter Matthias auf sie. Wird Uruguay auch zu ihrem Sehnsuchtsland? Mit stark autobiografischen Zügen ist „Auf Spurensuche am Río de la Plata“ ein sehr persönliches Porträt, ein Stück Zeitgeschichte und nicht zuletzt ein Reiseführer.

In der zweiten Begnung des Viertelfinales trifft ein literarisches Debüt und unser Geheimfavorit auf einen brasilianischen Bestsellerautor. Dieser tritt bei uns nicht mit seinem bekanntesten Buch, aber dafür mit einer besonders hübschen – in Leinen gebundenen – Geschenkausgabe von „Veronika beschließt zu sterben“ an. Die Geschichte einer unglücklichen jungen Frau, die sterben will und erst angesichts des Todes entdeckt, wie schön das Leben sein kann, wenn man darum kämpft und etwas riskiert. Ein wunderbares Buch über die Prise ‚Verrücktheit‘, die es braucht, um den eigenen Lebenstraum Wirklichkeit werden zu lassen, und eine große Liebeserklärung an das Glück in jedem von uns.

Ein anderes Genre – man könnte auch bei den Fußballallegorien bleiben und sagen eine andere Spielweise – finden wir bei seinem belgischen Gegner. Peter Buwaldas „Bonita Avenue“ ist ein rasanter Familienroman eines Autors, der sich mit den ganzen Großen messen will. In einem erzählerischen Feuerwerk sprengt Buwalda die fast vier Jahrzehnte (von 1970 bis 2008) seiner Geschichte in die Luft und arrangiert die Teile so, dass der Leser niemals den Überblick verliert. Er erzählt die Geschichte der niederländischen Patchworkfamilie Sigerius. Siem Sigerius ist Mathematiker und Rektor einer angesehenen Universität in Enschede und führt mit seiner Frau Tineke und deren Töchter Joni und Janis ein beschauliches Leben. Doch unter der Oberfläche brodelt es: Joni und ihr Freund Aaron haben ein lukratives Internetgeschäft aufgezogen, von dem sie lieber nicht wollen, dass es an die Öffentlichkeit gerät. Doch Siem kommt per Zufall der Sache auf die Spur – gerade als er seinen Rektorposten aufgibt und in die Politik wechselt. Doch das ist nicht seine einzige Sorge: Auch sein Sohn Wilbert aus erster Ehe droht zum Problem zu werden, denn wegen seines gewalttätigen Wesens hat er gerade eine lange Gefängnisstrafe verbüßt. Nicht gerade etwas, das man als neuer Minister unbedingt in der Öffentlichkeit breitgetreten sehen möchte – vor allem nicht, wenn dieser Sohn nun vorzeitig aus der Haft entlassen wird und droht, den Familienfrieden empfindlich zu stören.

Der Gastgeber trifft im Viertelfinale auf einen scheinbar einfachen Gegner. Bei uns heißt das Gaito Gasdanow, der „russische Camus“, trifft auf Nataša Dragnic. Aber Außenseiterchancen bleiben natürlich bestehen – und unsere Wahl für Dragnic hat sentimentale Gründe – schließlich besuchte sie die Buchhandlung Dr. Schrenk 2015 für eine Lesung.

Der eine gilt als einer der wichtigsten russischen Exilautoren und erzählt in „Nächtliche Wege“ vom Leben der Emigranten im Paris der dreißiger Jahre, zwischen brennender Nostalgie und einer heillosen Gegenwart. Tagsüber studiert er, nachts arbeitet der Erzähler als Taxichauffeur. Er verkehrt mit Dieben und Zuhältern, Selbstmördern und Clochards, Verrückten und Alkoholikern. Drei Halbweltdamen haben ihn zu ihrem Vertrauten gemacht: Raldy, die ehemalige Luxusprostituierte, Alice, ihre untreue Schülerin, und Suzanne mit dem Goldzahn. Sie hat den Sprung ins bürgerliche Leben geschafft und hätte mit Fedortschenko fast ihr Glück gefunden. „Nächtliche Wege“ ist ein Meisterwerk der literarischen Moderne.

Seine Gegnerin wurde 1965 in Split, Kroatien, geboren. Nach dem Germanistik- und Romanistikstudium in Zagreb schloss sie eine Diplomatenausbildung ab. Seit 1994 lebt sie in Erlangen und war viele Jahre als freiberufliche Fremdsprachen- und Literaturdozentin tätig. In ihrem Roman, lieben drei Schwestern einen Mann: Am Ende wird der italienische Dichter Alessandro Lang eine der drei Schwestern Alessi zum Altar führen. Aber welche: Roberta, die älteste, die er vor dem Fresko der schwangeren Madonna in einer toskanischen Kapelle kennenlernt, die Medizin studiert, nach San Francisco zieht und darunter leidet, kein Kind zur Welt zu bringen? Lucia, die erfolgreiche Bankerin, die ihn bei einer Lesung in Florenz anspricht und ihm nicht verrät, wer sie ist? Oder aber die jüngste, Nannina, die als Übersetzerin in München mit ihrem unehelichen Kind lebt? Die drei Frauen lieben und hassen, unterstützen und belügen einander, schweigen sich an und kehren trotzdem immer wieder nach Hause zurück, zu den Eltern und zum Meer. Aber nur eine wird Alessandros Braut: Werden die beiden anderen ihr das je verzeihen?

Bei uns treten zwei Autoren an, die lange in Deutschland lebten und arbeiteten, unser kleiner deutscher Anteil an der WM 2018 😉

Im letzten Viertelfinale lassen wir Schweden mit Humor punkten, während für England ein japanisch-stämmiger Nobelpreisträger mit einem sehr englischen Roman antritt.

Frederick Backmanns „Ein Mann namens Ove“ ist der Nummer-1-Bestseller aus Schweden. Es ist eine Geschichte über Freundschaft, Liebe, das richtige Werkzeug und was sonst noch wirklich zählt im Leben – witzig, rührend, grummelig, großartig.

Haben Sie auch einen Nachbarn wie Ove? Jeden Morgen macht er seine Kontrollrunde und schreibt Falschparker auf. Aber hinter seinem Gegrummel verbergen sich ein großes Herz und eine berührende Geschichte. Seit Oves geliebte Frau Sonja gestorben ist und man ihn vorzeitig in Rente geschickt hat, sieht er keinen Sinn mehr im Leben und trifft praktische Vorbereitungen zum Sterben. Doch dann zieht im Reihenhaus nebenan eine junge Familie ein, die als Erstes mal Oves Briefkasten umnietet …

Dagegen setzt England auf einen berührenden Roman über einen Butler mit Leib und Seele: „Was vom Tage übrig blieb“. Stevens dient als Butler in Darlington Hall. Er sorgt für einen tadellosen Haushalt und ist die Verschwiegenheit in Person: Niemals würde er auch nur ein Wort über die merkwürdigen Vorgänge im Herrenhaus verlieren. Er stellt sein Leben voll und ganz in den Dienst seines Herrn. Auch die vorsichtigen Annäherungsversuche von Miss Kenton, der Haushälterin, weist er brüsk zurück. Viele Jahre lang lebt er ergeben in seiner Welt, bis ihn eines Tages die Vergangenheit einholt. Das kritische Portrait einer von Klasse und Hierarchien geprägten Gesellschaft und eine bittersüße Liebesgeschichte, erzählt von einem, der seinen Stand nie hinterfragt und der nie auch nur geahnt hat, dass er liebte.

Wenn die Spielweise auf dem Rasen so unterschiedlich ist wie unsere literarischen Spieler können wir uns auf eine spannende Partie freuen!

Achtelfinale

Da ist man mal ein paar Tage nicht im Laden und schon fliegen all unsere hochgehandelten literarischen Favoriten für den WM-Titel aus dem Turnier. Daher haben wir uns kurzentschlossen für ein Achtelfinale der Herzen entschieden, damit sich wenigstens zwei dieser Titel noch die Chance auf den literarischen Weltmeister-Titel erhalten.

Unsere Aufstellung im Achtelfinale der Herzen

Literarisch geht für Argentinien Claudia Piñeiro mit „Ein wenig Glück“ an den Start. Ihr Gegner ist einer der bedeutensten portugiesischen Schriftsteller der Gegenwart: António Lobo Antunes mit seinem Buch „An den Flüssen, die strömen“.

Antunes Roman ist die Chronik einer Krankheit – seiner Krankheit! In seinem persönlichsten Buch erzählt Antunes ganz offen von seiner Erkrankung an Krebs. Er berichtet von den zwei langen Wochen, die „Senhor Antunes“, sein literarisches Alter Ego, in einem Krankenhaus verbringt, mit seinem Schicksal hadert, sich Operation und Behandlung unterzieht und sein Leben Revue passieren lässt. Seine täglichen Aufzeichnungen halten den Kampf ums Überleben fest, hier mischen sich Fieberträume und Verzweiflung, Schmerzen und Ängste, Erinnerungen an seine Kindheit, seine Eltern, aber auch an die Landschaft, die ihn prägte.

Was da genau erzählt wird, lässt sich schwer zusammenfassen. Der Text ist schwer zu greifen und steht unter dem Eindruck der Todesnähe und der Nebenwirkungen starker Medikamente. So gerät dieser Text letztlich zu einer poetischen Bildfolge in Prosa, deren Zauber in der magischen Melodie des Erzählten besteht. Während das Erzählte unspektakulär ist, ist es die Art des Erzählens, die das Ganze zu Kunst macht.

Dieser poetische Text tritt gegen den Shootingstar der argentinischen Literatur an. Ihr Text ist eines meiner persönlichen Lieblingsbücher:

Was muss geschehen, dass eine Mutter ihr Kind zurücklässt – es für immer verlässt? Kann es einen Grund geben, der dies rechtfertigt – den auch ich als Mutter verstehen kann? Gefühlvoll und vorsichtig tastet sich Claudia Piñeiro in „Ein wenig Glück“ an die Geschehnisse heran, die Mary schließlich dazu bewegten, ihren kleinen Sohn Federico zu verlassen.

Ein Bahnübergang, eine heruntergelassene Schranke, ein blinkendes rotes Licht und kein Zug. Drei, fünf, acht Minuten … und kein Zug. Mary Lohan hat ihren sechsjährigen Sohn, Federico, und Juan, seinen Schulfreund, im Auto. Sie wollen ins Kino. Ihr Auto ist das dritte in der Warteschlange. Der erste Wagen umfährt die Schranke und überquert die Gleise, der zweite ebenso. Die Kinder singen vergnügt, der Filmbeginn rückt näher und kein Zug ist in Sicht. Also los, auch sie wird es wagen. Die Schranke ist schon lange ein Ärgernis. Ob ein Zug überhaupt kommt, ist ungewiss.

Zwanzig Jahre nach der Katastrophe kehrt Mary zurück in die Vergangenheit, aus der sie geflohen ist. Dabei offenbart sich nicht nur ein tragischer Unfall, sondern auch ein Geflecht aus Familie, Freunden und Bekannten, die einen Schuldigen brauchen. Doch trotz allem gibt es für Mary eine Chance auf ein wenig Glück. Ein so schönes Buch, das zu Herzen geht. Selten habe ich etwas gelesen, das Mutterliebe schöner und intensiver beschreibt als dieses Büchlein! Ich liebe dieses Buch!

Ein spannendes Duell, das uns bei der WM in Russland auf dem Rasen leider entgeht!

Von Melena